"Wertschätzende Lehr -und Lernkultur" - Erster gemeinsamer IB-Abschluss von Waldorf- und Montessori-Schülern auf dem Campus Wien West

Diskussions-Situation im Englischunterricht, Foto: Gernot Muhr

Schulen mit einem alternativen pädagogischen Konzept, die Schülerinnen und Schüler bis zur Hochschulreife führen wollen, stehen regelmäßig vor einer Herausforderung. Sie haben in den Unter- und Mittelstufen viele Freiheiten und können einen gleichwertigen Weg anbieten, der aber nicht gleichartig sein muss. Sei es die Waldorfpädagogik mit der gleichberechtigten Gewichtung auf kognitive, künstlerische und handwerkliche Fächer, seien es Montessori-Schulen mit ihrem Schwerpunkt auf dem selbstverantwortlichen Lernen oder das Lernen in Projekten, wie es sehr erfolgreich an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum praktiziert wird. Geht es aber in Richtung Abitur oder Matura, finden sich die Schülerinnen und Schüler oft in einem Frontalunterricht wieder, der einem starren und vorgegebenen Lehrplan folgt. Da bleibt oft wenig übrig von der ursprünglichen "Alternative zur Schule". Auch wenn die Schülerinnen und Schüler trotz eines anderen pädagogischen Weges gut mithalten können – Studien zeigen, dass Waldorfschüler im Zentralabitur sehr gute Ergebnisse erreichen, eine PISA-Erhebung für die Waldorfschulen in Österreich geht in die gleiche Richtung – bleibt dennoch der Wunsch, auch die Oberstufe anders zu gestalten.

Einen neuen Weg haben die Freie Waldorfschule Wien West und der Montessori Campus Wien eingeschlagen. Beide Schulen begannen 2009 und 2010 fast gleichzeitig, eine Oberstufe aufzubauen. Beide Schulen waren auf der Suche nach einem Schulabschluss, der gut zum jeweiligen reformpädagogischen Ansatz passt. "So stießen wir unabhängig voneinander auf den International Baccalaureate Diploma Lehrgang", resümiert die Pädagogin Jutta Zopf-Klasek. "Beiden Schulen war klar, dass sie einen Kooperationspartner für dieses große Abenteuer wollten und brauchten." So gründeten die Schulen gemeinsam den Campus Wien West, um ein Angebot für die Schülerinnen und Schüler der beiden Schulen zu haben, das auch für Jugendliche aus anderen Schulformen attraktiv sein kann.

Doch warum der IB-Abschluss und nicht beispielsweise die österreichische Matura? "Wir wollten für unsere Schüler einen international anerkannten Schulabschluss – ein Faktor, der im Übrigen hervorragend zu Waldorf und Montessori passt, die international anerkannte Schulmodelle darstellen", erläutert die Pädagogin Martina Bauer. Beim IB Diploma fanden die Pädagogen ein Menschenbild, das eine ganzheitliche Sicht auf Lernende und Lehrende pflegt und eigenständiges, reflektierendes, kritisches und vernetztes Denken fördert und fordert. Gleichzeitig biete es die Möglichkeit, Waldorf- und Montessori-Elemente in den Unterrichtsalltag zu integrieren. Auch die Tatsache, dass das IB dezidiert auf das Studium vorbereite, habe die Entscheidung letztendlich leicht gemacht.

Der erste Jahrgang hat sehr gut abgeschnitten beim IB, und das hat Zopf-Klasek zufolge auch mit der wertschätzenden, den Schülern zugewandten Lehr- und Lernkultur zu tun. Wichtig sei die Bereitschaft zu differenziertem, förderndem Feedback: "Die Lehrenden sollen sich als Wissensexperten und Coaches begreifen", betont Zopf-Klasek.  Im Unterricht soll geistige Weite herrschen, ohne den eigenen Standpunkt zu verraten, die Fähigkeit zu hinterfragen als Stärke begriffen werden und die Schüler in ihrer Individualität mit ihren jeweiligen Bedingungen respektiert werden. "Uns ist es wichtig, die Schüler zur fordern, aber nicht zu erschöpfen, zu fördern, aber nicht zu 'bedienen'", beschreibt die IB-Koordinatorin die Atmosphäre der Schule. Der Ansatz kann Vorbild auch für andere Schulen sein. Dafür brauche es Klarheit, Bereitschaft zum Kompromiss und den Willen, das gemeinsame Projekt zu entwickeln. Insbesondere in der Planungs-, Gründungs- und Zertifizierungsphase komme es darauf an, die Unterschiede zwischen den pädagogischen Ansätzen zu respektieren und den herausfordernden Prozess des Zusammenwachsens zu gestalten.

"Sehr gerne haben wir diesen innovativen Weg der beiden reformpädagogischen Schulen unterstützt und begleitet", betont Professor Dirk Randoll, Projektleiter bei der Software AG – Stiftung. Der erfolgreiche Abschluss des ersten Jahrgangs sowie das ausgesprochen positive Feedback der International Baccalaureate Organization (IBO) im Zertifizierungsverfahren bescheinigen demnach die hervorragende pädagogische Arbeit und können ein Musterbeispiel dafür sein, wie Schulen einerseits ihr pädagogisches Profil wahren und weiterentwickeln und andererseits ihre Schülerinnen und Schüler bestmöglich für Ausbildung, Studium und weiteren Lebensweg qualifizieren können.